In einer Hausarztpraxis klingelt das Telefon an einem normalen Vormittag fast durchgehend, und der größte Teil der Anrufe fällt in die ersten zwei Stunden. Wenn Praxen eine Woche lang mitzählen, wovon die Anrufe handeln, stehen am Ende fast immer dieselben zwei Blöcke oben: Termine und Rezepte. Beides sind Vorgänge ohne medizinische Entscheidung, und beide binden trotzdem Ihre erfahrenste Kraft am Hörer, während im Wartezimmer jemand wartet.
Wenn Sie nur eine Sache aus diesem Beitrag mitnehmen: Machen Sie diese Strichliste. Ohne sie diskutieren Sie über Gefühle, mit ihr über Zahlen.
Warum das Telefon der teuerste Kanal ist
Ein Anruf hat drei Eigenschaften, die ihn im Praxisalltag besonders teuer machen. Er kommt unangekündigt, er verlangt sofortige Aufmerksamkeit, und er lässt sich nicht bündeln. Ein Terminwunsch, der um 8:42 Uhr hereinkommt, unterbricht genau das, was gerade passiert.
Der eigentliche Schaden ist deshalb nicht die Gesprächsdauer, sondern die Unterbrechung. Nach jeder Unterbrechung braucht es Zeit, in den vorherigen Vorgang zurückzufinden. Bei zwanzig bis dreißig Unterbrechungen am Vormittag summiert sich das zu einer beachtlichen Menge, die in keiner Statistik auftaucht, weil sie aus lauter kleinen Stücken besteht.
Dazu kommt, dass das Telefon immer gewinnt. Wenn eine MFA gleichzeitig den Tresen und die Leitung bedient, wird der Mensch, der leibhaftig vor ihr steht, warten. Das merken sich Patienten, und es taucht später in Bewertungen wieder auf.
Was Patienten eigentlich wollen
Es lohnt sich, den Blick einmal umzudrehen. Bitkom Research hat 2025 repräsentativ 1.145 Menschen ab 16 Jahren befragt. 64 Prozent haben schon mindestens einmal online einen Arzttermin gebucht, 2023 waren es erst 36 Prozent.
Entscheidend ist der genannte Hauptgrund: 84 Prozent schätzen daran, unabhängig von den Telefonzeiten der Praxis zu sein.
Quelle: Bitkom Research, repräsentative Befragung von 1.145 Personen ab 16 Jahren, 2025. Mehrfachnennungen möglich.
Das ist keine Bequemlichkeit im Sinne von Faulheit. Es ist die schlichte Feststellung, dass eine berufstätige Mutter um 8:15 Uhr nicht in einer Warteschleife hängen kann, weil sie das Kind in die Schule bringt und danach selbst arbeitet. Diese Person ruft nicht an, weil sie es will, sondern weil es keinen anderen Weg gibt.
Die Lücke, die Sie täglich bezahlen
Dem gegenüber steht die Praxisseite. In einer Bitkom-Befragung unter 616 Ärztinnen und Ärzten boten 37 Prozent eine Online-Terminvereinbarung an, 17 Prozent digitale Aufklärungsbögen, 13 Prozent eine tabletgestützte Aufnahme. Diese Befragung war nicht repräsentativ, die Größenordnung ist aber eindeutig.
Der Abstand zwischen diesen beiden Zahlen ist Ihr Anrufaufkommen. Jeder Patient, der online buchen würde, es aber nicht kann, greift zum Hörer.
Quellen: Bitkom Research 2025 (Patienten, repräsentativ, 1.145 Befragte) und Bitkom-Befragung von 616 Ärztinnen und Ärzten 2025 (Praxen, nicht repräsentativ).
Das ist die ganze Rechnung.
Die vier Wege, die zusammen den größten Teil abfangen
- Terminanfrage oder Terminbuchung, sichtbar auf der Startseite und nicht drei Klicks tief.
- Rezeptformular für Folgerezepte, mit allen Angaben, die sonst per Rückfrage kommen.
- Ein ehrlicher Fragenbereich mit den zwanzig Fragen, die wirklich gestellt werden, in der Sprache der Patienten.
- Formulare vorab, damit Anamnese und Einwilligungen nicht im Wartezimmer entstehen.
Der Unterschied zum Telefon ist nicht nur die Entlastung, sondern die Zeit: Diese Wege sind abends um halb zehn und am Sonntag offen. Ein erheblicher Teil der Anfragen entsteht genau dann, weil Menschen dann Zeit haben, sich darum zu kümmern.
Was zuerst, was danach
| Maßnahme | Anteil am Anrufaufkommen | Aufwand | Greift nach |
|---|---|---|---|
| Terminanfrage online | Meist der größte Einzelblock | Gering, greift in keinen internen Ablauf ein | Wochen |
| Rezeptformular | Zweitgrößter Block | Gering | Wochen |
| Fragenbereich | Viele kleine Anlässe zusammen | Ein Nachmittag Schreibarbeit | Monate, wächst mit |
| Telefonzeiten takten | Verteilt die Last | Organisatorisch, kein Geld | Sofort |
| Zweite Leitung, zweite Person | Verteilt die Last | Personal | Sofort, aber teuer |
Die letzte Zeile steht bewusst unten. Mehr Personal an die Leitung zu setzen löst das Problem am schnellsten und am teuersten, und es ist im aktuellen Arbeitsmarkt für die meisten Praxen ohnehin keine Option.
Die Strichliste, mit der alles anfängt
Bevor Sie irgendetwas einführen, brauchen Sie eine Woche Daten. Der Aufwand ist minimal, der Erkenntnisgewinn groß. Legen Sie einen Zettel neben das Telefon mit fünf Spalten: Termin, Rezept, Befund, Organisatorisches, Sonstiges. Jede MFA macht bei jedem Anruf einen Strich.
Nach fünf Tagen haben Sie drei Dinge, die Sie vorher nicht hatten. Erstens die Gesamtzahl, die fast immer höher liegt als geschätzt. Zweitens die Verteilung, aus der sich ergibt, wo Sie ansetzen. Drittens einen Ausgangswert, gegen den Sie in drei Monaten messen können.
Der dritte Punkt ist der wichtigste und wird am häufigsten übersprungen. Ohne Ausgangswert lässt sich hinterher nicht sagen, ob etwas gebracht hat, und dann wird nach dem ersten anstrengenden Tag wieder alles infrage gestellt.
Der Fragenbereich: die zwanzig Fragen, die wirklich kommen
Ein guter Fragenbereich ist die günstigste Maßnahme überhaupt und wird trotzdem am seltensten ordentlich gemacht. Er besteht nicht aus erfundenen Fragen, sondern aus denen, die Ihr Team täglich beantwortet. In den meisten Praxen sind das:
- Öffnungszeiten, auch an Feiertagen und Brückentagen
- Wer vertritt Sie im Urlaub, mit Anschrift und Nummer
- Wie bekomme ich ein Folgerezept, und bis wann liegt es bereit
- Kann jemand anders das Rezept abholen
- Wie komme ich an einen Befund
- Was muss ich zum ersten Termin mitbringen
- Brauche ich eine Überweisung
- Wo kann ich parken, wie komme ich mit dem Bus hin
- Ist die Praxis barrierefrei zugänglich
- Wie sage ich einen Termin ab
- Was mache ich außerhalb der Sprechzeiten bei akuten Beschwerden
- Machen Sie Hausbesuche, und unter welchen Bedingungen
Zwei Regeln entscheiden über die Wirkung. Erstens: in der Sprache der Patienten formulieren. Niemand sucht nach „Terminmanagement", gesucht wird nach „Termin absagen". Zweitens: jede Antwort endet mit einer Handlung, nicht mit einer Auskunft. Nicht „Rezepte können vorbestellt werden", sondern „Bestellen Sie hier bis 12 Uhr, dann liegt das Rezept am nächsten Werktag ab 10 Uhr bereit, Abholung durch Angehörige ist möglich".
Der zweite Punkt ist der Unterschied zwischen einem Fragenbereich, der Anrufe spart, und einem, der nur gut aussieht.
Das Telefon bewusst takten
Was übrig bleibt, sollte einen festen Platz bekommen. Viele Praxen fahren gut damit, das Telefon in Zeitfenster zu legen, etwa vormittags von acht bis elf und nachmittags von zwei bis vier, und diese Zeiten deutlich auf der Website und dem Anrufbeantworter zu nennen.
Zwei Bedingungen entscheiden, ob das funktioniert. Erstens: Die Zeiten müssen gelten. Ein Fenster, das nicht eingehalten wird, macht es schlimmer statt besser, weil Patienten es zu Recht ignorieren. Zweitens: Es braucht einen anderen Weg für die Zeit dazwischen, sonst verlagern Sie das Problem nur auf den Beginn des nächsten Fensters.
Dazu gehört die Trennung der Rollen: eine Person am Telefon, eine Person am Tresen. Wenn beide Aufgaben dieselbe Person hat, gewinnt immer das Telefon.
Und der Datenschutz?
Termin- und Rezeptanfragen sind Gesundheitsdaten und fallen unter Artikel 9 DSGVO, also unter die besonders geschützten Kategorien. Daraus folgt sehr konkret: Die Übertragung muss verschlüsselt sein, der Patient muss vorher wissen, was mit seinen Angaben geschieht, und es braucht eine Löschfrist für erledigte Anfragen. Ist ein Dienstleister beteiligt, kommt ein Vertrag zur Auftragsverarbeitung nach Artikel 28 DSGVO hinzu.
Wenn die Anfragen in Ihrer eigenen Umgebung bleiben statt in einem fremden Portal, haben Sie diese Punkte selbst in der Hand und müssen sich nicht auf die Zusagen eines Anbieters verlassen.
Damit es ankommt
Ein Angebot, von dem niemand weiß, ändert nichts am Anrufaufkommen. Drei Stellen wirken am stärksten:
- Der Anrufbeantworter, auch während der Sprechzeit. Ein Satz genügt: Termine und Rezepte können Sie jederzeit auf unserer Website anfragen.
- Der Moment am Tresen, wenn jemand gerade ein Rezept abholt oder einen Termin bekommt. Das ist der empfänglichste Augenblick überhaupt.
- Die Startseite, ganz oben, nicht in einem Untermenü.
Rechnen Sie mit sechs bis acht Wochen, bis sich das Verhalten spürbar verschiebt. Gewohnheiten ändern sich langsamer als Technik.
Die drei Einwände, die immer kommen
„Meine Patienten sind zu alt dafür." Ein Teil ist es, aber nicht alle. Und genau darum funktioniert es: Wer online kann, macht die Leitung frei für die, die das Telefon wirklich brauchen. Die ältere Patientin kommt danach schneller durch als vorher. Das ist kein Nebeneffekt, sondern der eigentliche Zweck.
„Dann kommen noch mehr Anfragen." Das stimmt manchmal, und es ist trotzdem kein Argument. Eine schriftliche Anfrage ist strukturiert, vollständig und lässt sich gebündelt abarbeiten. Ein Anruf ist unstrukturiert, unterbricht und muss sofort bedient werden. Zehn schriftliche Anfragen kosten weniger als drei Anrufe.
„Wir haben dafür keine Zeit." Das ist der ehrlichste Einwand und zugleich das Problem selbst. Wer keine Zeit hat, Abläufe zu ändern, wird dauerhaft keine Zeit haben. Der Ausweg ist, klein anzufangen: ein Formular, eine Woche Strichliste, ein Satz auf dem Anrufbeantworter. Das kostet zusammen keinen halben Tag.
Was das Ihrem Team bringt
Weniger Anrufe bedeuten eine ruhigere Anmeldung, mehr Zeit für die Menschen im Wartezimmer und ein Team, das nicht ständig unterbrochen wird. Das ist mehr als Komfort: In der Befragung der Hochschule Fresenius München für die Felix Burda Stiftung gaben 68 Prozent der MFA an, über 40 Prozent ihrer Arbeitszeit für organisatorische Tätigkeiten aufzuwenden, und 50 Prozent, nicht mehr mit der nötigen Sorgfalt auf Patienten eingehen zu können.
Genau dort setzt die Entlastung an. Sie verändert nicht nur die Menge der Arbeit, sondern ihre Art. Und das ist der Punkt, an dem aus einer Website-Frage eine Personalfrage wird.
Quellen
- Bitkom e. V.: Zwei Drittel vereinbaren Arzttermine online (2025)
- Bitkom e. V.: Digitalisierung in Praxis und Klinik, Befragung von 616 Ärztinnen und Ärzten (2025)
- Felix Burda Stiftung / Hochschule Fresenius München: Studie zur Arbeitssituation von MFA, 1.205 Befragte (2024)
- Europäische Union: Datenschutz-Grundverordnung, Artikel 9 (2016)
Häufige Fragen
Wie stark senkt eine Online-Terminbuchung die Anrufe?
Das hängt davon ab, wie viele Ihrer Anrufe reine Terminvergabe sind. Zählen Sie eine Woche lang mit, dann kennen Sie Ihren eigenen Anteil und wissen, was zu holen ist.
Warum rufen Patienten überhaupt so oft an?
Weil es oft der einzige Weg ist. 64 Prozent der Menschen in Deutschland haben laut Bitkom schon online einen Arzttermin gebucht, aber nur etwa 37 Prozent der Praxen bieten das an. Diese Lücke landet als Anruf bei Ihnen.
Was muss ich tun, damit Patienten den neuen Weg nutzen?
Aktiv darauf hinweisen: am Tresen, auf dem Anrufbeantworter und sichtbar auf der Startseite. Rechnen Sie mit sechs bis acht Wochen, bis sich das Verhalten verschiebt.
Sind Terminanfragen über die Website datenschutzkonform?
Ja, wenn die Übertragung verschlüsselt läuft, der Patient vorher informiert wird und die Daten nicht unkontrolliert an Dritte gehen. Weil es um Gesundheitsdaten geht, gelten die erhöhten Anforderungen aus Artikel 9 DSGVO.
Bringen feste Telefonzeiten etwas?
Ja, aber nur wenn sie eingehalten werden und es für die Zeit dazwischen einen anderen Weg gibt. Sonst verlagern Sie die Anrufe nur auf den Beginn des nächsten Fensters.