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Bürokratie frisst die Sprechstunde? Wo Sie am schnellsten Zeit zurückholen

  • Für Arztpraxen, die Wert auf ihr Personal legen
  • 8 Min. Lesezeit

Kaum ein Thema erzeugt in Praxen so viel Frust wie Verwaltung. Der Grund ist nicht nur die Menge, sondern dass sie sich anfühlt wie Arbeit, die niemandem hilft. Sie nimmt Zeit von der Sprechstunde und gibt dafür nichts zurück, was man sehen könnte.

Abschaffen können Sie den größten Teil davon nicht. Aber Sie können ihn sortieren, und dabei zeigt sich fast immer, dass ein erheblicher Teil weder gesetzlich gefordert ist noch von Ihnen persönlich erledigt werden muss.

Wie groß der Anteil tatsächlich ist

Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung erhebt mit dem Zi-Praxis-Panel regelmäßig Kosten- und Versorgungsstrukturen in Praxen. Ergebnis: Niedergelassene Praxisinhaber arbeiten im Durchschnitt rund 50 Stunden pro Woche, und etwa ein Drittel der Arbeitszeit entfällt auf bürokratische und administrative Aufgaben.

Wie viel der Arbeitszeit in die Verwaltung geht

Rund ein Drittel der Arbeitszeit entfällt auf bürokratische und administrative Aufgaben.

Niedergelassene Praxisinhaber arbeiten im Schnitt rund 50 Stunden pro Woche. Der Ärztemonitor nennt für reine Verwaltungsaufgaben etwa acht Stunden wöchentlich. Beides sind Durchschnittswerte, die Größenordnung ist aber stabil.

Quellen: Zi-Praxis-Panel des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung; Ärztemonitor.

Der Ärztemonitor nennt für reine Verwaltungsaufgaben rund acht Stunden pro Woche. Die beiden Zahlen widersprechen sich nicht, sie messen unterschiedlich weit: Das eine ist reine Verwaltung, das andere schließt Dokumentation, Abstimmung und Organisation mit ein.

Für Ihre Praxis ist die genaue Zahl weniger wichtig als die Größenordnung. Wenn ein Drittel Ihrer Arbeitszeit nicht am Patienten stattfindet, lohnt sich jede Verschiebung um wenige Prozentpunkte in barer Zeit.

Sortieren statt stöhnen

Nehmen Sie eine Woche und notieren Sie jede Verwaltungsaufgabe in eine von vier Spalten.

Vier Spalten, in die jede Aufgabe gehört
  1. 1Pflicht, nur durch michAlles mit ärztlicher Entscheidung oder Unterschrift
  2. 2Pflicht, delegierbarVorbereitung, Formulare, Unterlagen zusammenstellen
  3. 3Kein Muss, sinnvollEigene Listen, Auswertungen, Zusatzdokumentation
  4. 4GewohnheitAlles, was gemacht wird, weil es immer so gemacht wurde

Die vierte Spalte ist erfahrungsgemäß voller als erwartet. Dort liegt der schnellste Gewinn.

Die vierte Spalte ist erfahrungsgemäß voller als erwartet. Dort liegt der schnellste Gewinn, weil das Streichen nichts kostet und niemanden belastet. Typische Kandidaten: Listen, die niemand mehr auswertet, doppelte Ablagen, Ausdrucke von Dokumenten, die ohnehin digital vorliegen, und Auswertungen, die einmal für ein Projekt gebraucht wurden und seitdem weiterlaufen.

Der größte Block: Anfragen von außen

Ein wesentlicher Teil des Verwaltungsaufwands entsteht nicht in der Praxis, sondern kommt herein: Terminwünsche, Rezeptanfragen, Bescheinigungen, Rückfragen zu Befunden. Jede dieser Anfragen kommt unstrukturiert an, meist telefonisch, und muss erst in eine bearbeitbare Form gebracht werden.

Anfragen von außen: unstrukturiert gegen strukturiert

Kommt als Anruf

  • Unterbricht sofort, mitten im Vorgang
  • Angaben unvollständig, Rückfrage nötig
  • Muss handschriftlich notiert werden
  • Kommt gehäuft zwischen 8 und 10 Uhr
  • Nachbearbeitung am Abend

Kommt als Formular

  • Wartet, bis Zeit dafür eingeplant ist
  • Pflichtfelder erzwingen Vollständigkeit
  • Liegt schriftlich vor
  • Verteilt sich über 24 Stunden
  • Gebündelte Abarbeitung in zwei Blöcken

Der größte Teil des Verwaltungsaufwands entsteht nicht in der Praxis, sondern kommt herein.

Genau hier lohnt der Aufwand am meisten. Wenn eine Anfrage strukturiert hereinkommt, also mit allen nötigen Angaben in einem Formular, entfällt der gesamte Zwischenschritt. Aus zwanzig Unterbrechungen wird ein Arbeitsblock, der abgearbeitet wird.

Für Bescheinigungen gilt dasselbe. Ein Formular, das Anlass, Zeitraum und Empfänger abfragt, ersetzt drei Rückrufe. Und es hat einen Nebeneffekt: Sie sehen auf einen Blick, ob es überhaupt eine Leistung ist, die Sie erbringen müssen, oder eine, die abgerechnet wird.

Was sich delegieren lässt

Vieles, was am Schreibtisch der Ärztin landet, gehört dort nicht hin. Der einfache Test: Wenn Sie eine Aufgabe erledigen und dabei kein einziges Mal ärztlich entscheiden, ist sie delegierbar.

AufgabeWer kann dasWas bei Ihnen bleibt
Formulare vorbereitenMFAPrüfung und Unterschrift
Unterlagen für Anträge zusammenstellenMFAInhaltliche Bewertung
Fehlende Befunde nachhaltenMFANichts
Materialbestellung und LagerMFA mit eigenem BereichBudgetrahmen
Terminkoordination mit anderen PraxenMFANichts
Qualitätsmanagement-PflegeMFA mit ZuständigkeitFreigabe
AbrechnungsvorbereitungMFA oder externe DienstleistungKontrolle und Freigabe

Der Schlüssel ist, den Vorgang einmal sauber zu beschreiben und dann wirklich abzugeben, auch wenn es beim ersten Mal langsamer ist. Delegieren, das nach zwei Wochen wieder zurückgeholt wird, kostet mehr Zeit als gar nicht zu delegieren.

Die drei Fehler beim Delegieren

Erstens: mündlich übergeben. Eine Aufgabe, die nur im Gespräch weitergegeben wurde, kommt bei der ersten Unsicherheit zurück. Ein Ablauf auf einer halben Seite verhindert das, und er muss nicht schön sein.

Zweitens: ohne Entscheidungsbefugnis abgeben. Wenn die MFA bei jedem Zwischenschritt fragen muss, haben Sie die Aufgabe nicht abgegeben, sondern sich eine Rückfrage eingehandelt. Legen Sie fest, was ohne Rücksprache entschieden werden darf, und ziehen Sie die Grenze großzügig.

Drittens: zu früh eingreifen. Die ersten Male dauert es länger und wird anders gemacht, als Sie es gemacht hätten. Wer dann übernimmt, hat für immer die Aufgabe zurück. Halten Sie zwei bis drei Durchläufe aus, bevor Sie nachjustieren.

Was Sie beim Streichen beachten sollten

Bevor Sie eine Aufgabe streichen, klären Sie eine Frage: Gibt es dafür eine gesetzliche oder vertragliche Grundlage, die Sie übersehen? Manches, was nach Gewohnheit aussieht, ist eine Anforderung aus dem Qualitätsmanagement, aus einem Selektivvertrag oder aus einer Hygienevorgabe.

Die praktikable Lösung ist, nicht sofort zu streichen, sondern auszusetzen. Legen Sie die Aufgabe für vier Wochen still und notieren Sie, ob jemand danach fragt. Wenn niemand fragt und keine Prüfung ansteht, kann sie weg. Wenn doch jemand fragt, wissen Sie jetzt, warum es sie gibt, und das ist auch etwas wert.

Die Dinge, die bleiben müssen

Die Behandlungsdokumentation ist nach § 630f BGB Pflicht, sie schützt Sie im Streitfall, und sie muss zeitnah erfolgen. Hier zu kürzen ist die falsche Stelle. Was hier hilft, sind Textbausteine für wiederkehrende Formulierungen und die Angewohnheit, direkt nach dem Patientenkontakt zu dokumentieren statt abends gesammelt.

Ebenso bleiben: Aufklärungsgespräche und deren Dokumentation, Hygiene- und Qualitätsvorgaben, die Prüfung und Unterschrift bei allem, was Ihre Verantwortung trägt. Wer hier spart, spart am falschen Ende.

Was die Politik daran ändert, und was nicht

Bürokratieabbau im Gesundheitswesen ist ein Dauerthema in der Politik, und es kommen regelmäßig Ankündigungen. Für Ihre Praxisplanung ist die nüchterne Einschätzung: Verlassen Sie sich nicht darauf.

Was tatsächlich entlastet, sind Änderungen, die Sie selbst steuern. Alles, was über Gesetzgebung kommt, braucht Jahre, gilt dann für alle gleich und schafft in der Übergangszeit meist zusätzlichen Aufwand, weil zwei Systeme parallel laufen.

Das ist kein Argument gegen die Forderungen der Verbände, im Gegenteil. Es ist nur ein Argument dafür, in der eigenen Praxis nicht darauf zu warten.

Wo Praxen den meisten Aufwand sehen

Wenn man Ärzte fragt, wo der Aufwand am größten ist, steht die Abrechnung regelmäßig oben, gefolgt von Qualitätsmanagement und Befundberichten. Das deckt sich mit dem, was in Gesprächen genannt wird, und es ist ein Hinweis darauf, wo sich eine genauere Betrachtung lohnt.

Bei der Abrechnung ist die Frage meist nicht, ob es weniger werden kann, sondern wer es macht. Bei Qualitätsmanagement lohnt der Blick, wie viel davon tatsächlich gefordert ist und wie viel über die Jahre dazugekommen ist, weil es einmal jemand vorgeschlagen hat.

Die Praxismanagerin als Zwischenlösung

Ab einer gewissen Größe lohnt es sich, Verwaltung nicht nur zu verteilen, sondern zu bündeln. Eine MFA mit Zusatzqualifikation als Praxismanagerin übernimmt dann Bereiche, die sonst bei der Ärztin hängen bleiben: Qualitätsmanagement, Materialwirtschaft, Dienstplanung, Vorbereitung der Abrechnung, Koordination mit Dienstleistern.

Zwei Dinge entscheiden, ob sich das trägt. Erstens die Größe: Unter vier bis fünf Mitarbeiterinnen fehlt in der Regel das Volumen, um die Rolle sinnvoll zu füllen. Zweitens die Befugnis: Eine Praxismanagerin ohne Entscheidungsspielraum ist eine MFA mit mehr Aufgaben und demselben Gehalt, und das hält niemand lange durch.

Wenn beides passt, wirkt die Rolle doppelt. Sie nimmt Ihnen Verwaltung ab, und sie schafft eine Entwicklungsperspektive im Team, die es sonst kaum gibt. Bei einem Beruf, in dem laut Befragungen über 45 Prozent über den Ausstieg nachdenken, ist das kein Nebeneffekt.

Realistisch bleiben

Kein einzelner Schritt macht die Verwaltung um die Hälfte kleiner. Was funktioniert, ist die Summe: eine Spalte gestrichen, ein Block delegiert, zwei Anfragearten strukturiert. Zusammen ergibt das in vielen Praxen mehrere Stunden pro Woche, und zwar dauerhaft.

Fangen Sie mit dem an, was am häufigsten vorkommt, nicht mit dem, was am meisten nervt. Das ist selten dasselbe, und der häufigste bringt fast immer mehr. Was am meisten nervt, ist oft ein seltener Vorgang, der jedes Mal Ärger macht. Der gehört auf die Liste, aber nicht an den Anfang.

Der Zusammenhang mit Ihrem Personal

Verwaltung ist nicht nur Ihr Problem. In einer Befragung der Hochschule Fresenius München im Auftrag der Felix Burda Stiftung mit 1.205 Medizinischen Fachangestellten gaben 68 Prozent an, über 40 Prozent ihrer Arbeitszeit für organisatorische Tätigkeiten aufzuwenden. 50 Prozent sagten, sie könnten Patienten nicht mehr mit der nötigen Sorgfalt betreuen.

Wenn Sie Verwaltung abbauen, senken Sie deshalb nicht nur Ihre eigene Belastung, sondern verändern auch die Arbeit Ihres Teams. Über 45 Prozent der befragten MFA denken über den Ausstieg aus dem Beruf nach. Ein Teil davon ist eine Folge genau dieser Verschiebung von Patientenarbeit zu Organisation.

Ein Plan für ein Quartal

  1. Woche 1: Vier-Spalten-Liste führen, ohne zu bewerten.
  2. Woche 2: Spalte vier streichen. Alles, was reine Gewohnheit ist, fällt weg oder wird ausgesetzt und nach vier Wochen geprüft, ob es jemand vermisst hat.
  3. Woche 3 bis 6: Die beiden häufigsten Anfragearten strukturieren, meist Termine und Rezepte.
  4. Woche 7 bis 10: Zwei Aufgaben aus Spalte zwei tatsächlich abgeben, mit schriftlicher Beschreibung und benannter Zuständigkeit.
  5. Woche 11 bis 12: Nachrechnen und entscheiden, was im nächsten Quartal drankommt.

Legen Sie die Wochen bewusst in eine ruhige Zeit. Ein Vorhaben, das in der Grippewelle startet, scheitert nicht am Plan, sondern am Zeitpunkt, und danach ist die Bereitschaft für den nächsten Versuch kleiner.

Zwölf Wochen klingt lang für vier Maßnahmen. Es ist aber deutlich mehr, als in den meisten Praxen tatsächlich passiert, und es ist genug, um am Ende eines Jahres einen spürbaren Unterschied zu haben.

Quellen

  1. Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung: Zi-Praxis-Panel zu Arbeitszeit und Kostenstrukturen in Praxen (2024)
  2. Hochschule Fresenius: Zu viel Bürokratie in Arztpraxen auf Kosten der Patienten, Befragung bayerischer Ärzte (2017)
  3. Felix Burda Stiftung / Hochschule Fresenius München: Studie zur Arbeitssituation von MFA, 1.205 Befragte (2024)
  4. Bundesministerium der Justiz: § 630f BGB, Dokumentation der Behandlung (2013)

Häufige Fragen

Wie viel Zeit kostet Bürokratie in einer Arztpraxis?

Nach dem Zi-Praxis-Panel arbeiten niedergelassene Praxisinhaber im Schnitt rund 50 Stunden pro Woche, und etwa ein Drittel der Arbeitszeit entfällt auf bürokratische und administrative Aufgaben. Der Ärztemonitor nennt für reine Verwaltung rund acht Stunden wöchentlich.

Wo fange ich beim Bürokratieabbau an?

Bei dem, was am häufigsten vorkommt. Termin- und Rezeptanfragen strukturiert hereinzuholen bringt in der Regel mehr als jede einzelne Prozessänderung.

Wie erkenne ich, ob eine Aufgabe delegierbar ist?

Wenn Sie sie erledigen, ohne dabei ärztlich zu entscheiden, kann sie jemand anderes vorbereiten. Ihre Prüfung und Unterschrift bleiben davon unberührt.

Kann ich die Behandlungsdokumentation kürzen?

Nein, sie ist nach § 630f BGB Pflicht und schützt Sie. Zeit sparen Sie dort nur über Textbausteine und über Dokumentation direkt nach dem Kontakt statt abends.

Was ist die schnellste Maßnahme überhaupt?

Die Spalte „Gewohnheit" streichen. Setzen Sie alles aus, was nur gemacht wird, weil es immer so gemacht wurde, und prüfen Sie nach vier Wochen, ob es jemand vermisst hat.

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